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kostzTitel: Ein Held seiner Zeit: Die Bekenntnisse des Kornél Esti
Autor: Dezső Kosztolányi
Übersetzer: Christina Viragh
Verlag: rowohlt
Seiten: 304
Erscheinungsdatum: 1.12.2005, Original 1933
Gekauft: 30.4.2014, in der Bahnhofsbuchhandlung in Hamburg-Harburg. Ein Mängelexemplar. Ich wusste nicht, was das ist. Aber die Kombination aus Ungarischer Autor + Titel (wegen Lermontov!) haben mich angesprochen, da habe ich es mitgenommen.
Fertig gelesen: 30.5.2014
Ort des Lesens: im Flugzeug von Finnland nach Deutschland, an einer Bushaltestelle in Oerzen, weil der Bus ausfiel und ich eine Stunde warten musste!

Handlung: Ich glaube nicht, dass man bei diesem Buch von einer Handlung im eigentlichen Sinne reden kann! Das ist ein Episodenfilm! Unrealistische und realistisches vermischt, Kornél Esti turnt durch die Budapester Kaffeehäuser seiner Zeit und mischt alles auf. Außerdem gibt’s viele Züge und Straßenbahnen und Kaufhäuser, jedenfalls in meiner Erinnerung.

Sprache: Oh, wie gerne würde ich gut genug ungarisch können, um das mal auf ungarisch zu lesen. Und wie gerne würde ich ungarisch gut genug können, um dann noch sprachliche Feinheiten zu bemerken. Ich schätze derer dürfte es in diesem Buch viele geben. Ich schätze, dass dies eines der Bücher ist, die Sprache bewusst einsetzen, auch wenn ich nicht weiß, wieviel davon ins Deutsche zu transportieren ist. Alles, was mir gerade zur deutschen Übersetzung einfällt, sind tolle Wörter wie „locker luftig“, das arme Buch.

Meinung: Trotz der nicht durchgehenden Handlungen und den gelegentlichen Ausflügen ins Fantastische zieht sich ein roter Faden durch das Buch: die vielen Menschen in einem Menschen und die Wahrheit und was das sein soll. (Jedenfalls diktiert meine Erinnerung mir das.) Ein kluges Buch, ein gutes Buch.

Rausgeschrieben habe ich eine kurze Stelle und eine lange Stelle, sehet her:

Er war also nicht allein. Aber wenn er vorhin darüber verzweifelt gewesen war, dass er auf der Welt so allein war, so überkam ihm jetzt eine noch schrecklichere Verzweiflung, darüber, dass er auf der Welt so wenig allein war, dass es so viele, viele Menschen gab. Das war vielleicht noch entsetzlicher. (Zweites Kapitel)

Aber ich ging ja nicht zum Leben dorthin, sondern zum Lernen. Vor allem, um ihre etwas harte und spröde, verschlungene und komplizierte, aber wunderbare uralte Sprache zu lernen, in der ich erst höchst unbeholfen herumstotterte. Oft verstand ich nicht, was sie sagten. Oft verstanden sie nicht, was ich sagte. Diese beiden Mängel gleichen sich nicht aus, sondern steigerten einander. Mein ganzer Ehrgeiz war es, Deutsch zu können. Ich spitze die Ohren wie ein Geheimpolizist. Mit allen fing ich ein Gespräch an. Es liefen ja lebende Wörterbücher und Grammatiken umher. Ich wollte in allen blättern. Sogar dreijährige Kinder grüßte ich zuerst, weil sie besser Deutsch konnten als ich, obwohl ich Kants Prolegomena im Original gelesen und verstanden hatte. Wenn ich auf der Straße einen Wortfetzen nicht verstand, verdüsterte sich meine Laune. Einmal war ich fast zum Selbstmord bereit, als ein Händler, der den fremden Tonfall meiner im übrigen leidlichen Rede ausgemacht hatte, auf meine Fragen nicht antwortete, sondern – bestimmt aus Zuvorkommenheit – Zeichen machte wie einem Taubstummen oder einem Wilden. Ich arbeitete mit unermüdlichem Fleiß und ließ nichts aus, was meinen Fortschritt fördern konnte. Leider erlitt ich viele Niederlagen. Nach einem Studentengelage fuhr ich spät in der Nacht mit einer Droschke nach Hause. Ich fragte den Kutscher, was ich ihm schuldig sei. Wahrscheinlich verstand ich ihn nicht richtig und drückte ihm zuwenig in die Hand. Der Kutscher begann zu brüllen, nannte mich einen verlausten Kerl, zwickte sogar mit der Peitsche nach mir, aber ich war einfach nur überwältigt, wie korrekt er die unregelmäßigen Verben konjugierte, wie meisterlich er Subjekt und Prädikat aufeinander bezog, wie reichhaltig sein Wortschatz war, und ich kramte nach meinem Bleistift, um alles zu notieren. Da war auch der Kutscher einigermaßen überwältigt. Nicht von seinen eigenem Wortschatz, sondern von der Tatsache, daß ich seine schmutzige Grobheit ergeben hinnahm. Er dachte, ich sei so etwas wie ein Sektenbruder oder ein Verrückter. Dabei war ich bloß ein Linguist. (Zwölftes Kapitel)

Ich empfehle dieses Buch einfach uneingeschränkt. Ist wahr.