Schlagwörter

,

ortheilTitel: Die Erfindung des Lebens
Autor: Hanns-Josef Ortheil
Übersetzer:
Verlag: btb
Seiten: 695
Erscheinungsdatum: Erstausgabe 2009, diese schicke Geschenkausgabe 2013
Gekauft: Ausversehen. Als ich am 11.9. überfordert war, weil es im Amt so kurz gedauert hat
Fertig gelesen: 22.9. – ich habe das auch im wesentlichen nur an diesem Tag gelesen
Ort des Lesens: eine wenige Seiten im Zug, den Rest im Bett. Ich bin einfach nicht aufgestanden.

Handlung: Ein stummer Junge und sein Erwachsenwerden, ein Pendeln zwischen der Kindheit in Köln und dem Leben in Rom, ein Roman auf zwei Ebenen also: Das Aufwachsen in den 50ern bis in die 70er hinein und das „Jetzt“ in Rom. Mit Musik.

Sprache: Ein Ich-Erzähler. Johannes (so heißt er, dieser Protagonist) schreibt einen Roman über sein Leben und kommentiert diese Tätigkeit aus dem jetzt in Rom heraus und schreibt auch über sein Leben in Rom. Ein sehr beobachtender Blick, der da eingenommen wird, voller Beschreibungen, was man sieht, aber was nicht gesagt werden kann.

Meinung: Ich habe das Buch gekauft, weil ich ein Buch haben wollte, was…ich glaube, ein Buch, das schön ist. Und dann stand auf dem Klappentext des Taschenbuches (das ich nicht gekauft habe, weil ich den Einband der Geschenkbänder viel lieber in der Hand halte und deswegen dieses gekauft habe) irgendwas von Kindheit zwischen Rheinland und Rom und mit diesen Schlagwörter (es ist furchtbar) kann man mich sehr gut überzeugen, ich kaufe das dann.
Ich war etwas erleichtert als ich dann anfing zu lesen und feststellte, dass dieses Buch nicht so locker-leicht und grotesk glücklich ist wie Die große Liebe. Der Anfang ist eher bedrückend, der Junge, der nichts sagt, mit seiner stummen Wohnung in der tristen Wohnung. Hat mir deswegen gleich viel besser gefallen, hat mir sogar sehr gut gefallen, weil trotz der Tristesse der Situation immer noch unterschwellig heiter war. Die Rom-Zeiten (sowohl die vergangenen Romzeiten wie auch die gegenwärtige Romzeit) sind ein Rausch. Ein Rausch von Gefühlen, Gerüchen und Geräusche, da war dann wieder das Italien aus Die große Liebe, aber das hat mir ebenfalls gut gefallen, weil das a) meiner Italienvorstellung entspricht, die ich gerne aufrecht erhalten möchte und b) im Kontrast mit dem Bild von Köln/Deutschland natürlich wunderbar funktioniert hat.
Und dann geht’s natürlich noch ständig um Musik, um Klaviermusik genau zu sein und solche Beschreibungen können schnell langweilig werden, so für Leute wie mich, ich habe wenig Zugang zur klassischen Musik, aber hier sind die Beschreibungen weder zu langatmig noch überflüssig, sie dienen viel mehr der Geschichte als solcher.
Diese FAZ-Rezension schreibt „Ortheil hat im Gegensatz zu den meisten seiner Schriftstellerkollegen keine Scheu vor Happy End und großer Liebe.“ und das stimmt, es trifft jedenfalls auf meine zwei Ortheil-Erfahrungen zu. Und ich weiß immer noch nicht, wie ich das finde. Das Ende bereitet mir Unbehagen, als wäre es eine Lüge, weil niemals irgendwas gut endet, deswegen können auch Bücher nicht gut enden, obwohl ich mir das immer wünsche. Aber es wirkt als würde Ortheil fudeln. Vielleicht muss ich aber auch einfach weiter hoffen, dass am Ende alles gut wird. Immerhin ist das ein stark autobiographischer Roman, der beschreibt also das echte, richtige, wirkliche Leben. Und dann wird eben doch alles gut.

Am liebsten mag ich übrigens in diesem Buch die Wasserbeschreibungen. Der Blick auf den See, die Stille unter Wasser, der Sog des Wassers, die Anziehungskraft des Wasser. Und ich mag an dem Buch, dass ich es einfach am Stück gelesen habe, denn ich lese sehr selten wirklich einfach mal ein Buch, dabei ist das eine gute Sache.

Rausgeschrieben:
Ein armer Kerl war ein Kerl, der schwer krank und dem nicht mehr zu helfen war, manche Männer in der Kappes-Wirtschaft waren arme Kerle, weil ihnen ein Arm oder ein Bein fehlte, mir aber fehlte im Grunde nichts Schlimmes, sondern nur die Sprache, und deshalb war ich kein armer Kerl, sondern nur ein stummer Junge. (Kapitel 4)

Ich hatte die anderen nicht verlassen, um ihnen irgendwas zu beweisen oder um sie zu beunruhigen, nein, ich hatte nur mir selbst beweisen wollen, dass die alten Träume und Phantasien noch in mir lebten. Ich war noch nicht ganz der Lethargie verfallen, nein, ich war noch nicht gestorben, etwas Text und eine Unmenge von guter Musik steckte noch in mir. (S. 444)

Advertisements